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Auf dieser Seite sollen immer wieder neue und aktuelle Infos über das Thema Tierversuche weitergegeben werden.
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Bericht 1:

FAZ, 18.05.2002



In knapp sechs Wochen auf den Tisch des Verbrauchers
 
Wie ein Unternehmer Konsumenten und Tierschützer zufriedenstellen möchte / Von Axel Schnorbus


HAMBURG, 17. Mai. Das Leben eines Huhns ist kurz. Auf dem Bauernhof währt es zwei, vielleicht drei Jahre, in modernen Mastbetrieben dagegen nur fünf, allenfalls acht Wochen. Mehr Zeit ist nicht notwendig, damit aus einem pfirsichgroßen Küken ein Hähnchen mit fast zwei Kilo Gewicht wird. Der Volksmund bevorzugt den sächlichen Begriff "Hähnchen". Das scheint logisch, obwohl jedes zweite Schlachttier eine Henne ist. Denn in dieser kurzen Zeitspanne werden die Tiere zwar schlacht-, aber noch längst nicht geschlechtsreif. Hühnerfleisch ist begehrt wie nie. Es gilt als gesund und bekömmlich, läßt sich leicht zubereiten und ist zudem billiger als Fleisch vom Schwein oder Rind. Die BSE-Krise hat den Produzenten eine unerwartete Zusatzkonjunktur gegeben. Seit dem Jahr 2000 wird in Deutschland zum ersten Mal mehr Geflügel (Pro-Kopf-Verbrauch: 15,6 Kilogramm) als Rind- und Kalbfleisch (14,6) verzehrt.

Paul-Heinz Wesjohann, der größte Hähnchenproduzent in Europa, befindet sich also in einem Wachstumsmarkt. Inzwischen beschäftigt er in seinem von Rechterfeld, einem kleinen Ort im Landkreis Vechta, aus gesteuerten PHW-Konzern 3000 Mitarbeiter und sichert seinen 700 bäuerlichen Partnerbetrieben in ganz Deutschland einen Großteil ihres Einkommens. Doch der vorsichtig abwägende Unternehmer weiß, daß die Erzeugung von Lebensmitteln eine Gratwanderung ist. Die Menschen legen auf gesunde Ernährung allergrößten Wert und reagieren auf Meldungen über tatsächliche oder angebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen von Lebensmitteln äußerst irritiert, manchmal sogar nahezu hysterisch. Nahrungsmittel sollen aber nicht nur gesund, sondern auch billig sein, und Tiere, die der Ernährung dienen, sollen außerdem "artgerecht" gehalten werden. Tierschützer verfolgen Wesjohanns Aktivität daher mit Argwohn.

Der Mann aus einem Stück Niedersachsen, das man das Oldenburger Münsterland nennt, bodenständig und erzkatholisch, versucht es seit Jahren mit Aufklärung. "Mit der Wahrheit machen wir die besten Geschäfte", sagt er ein wenig pathetisch und meint damit sein Bemühen, die Öffentlichkeit über die Arbeit seiner Gruppe "lückenlos" zu informieren. Einen Geflügelhof mit einigen tausend Tieren hatte er in den sechziger Jahren von seinem Vater übernommen. Jetzt produziert er zusammen mit den bäuerlichen Partnern jährlich 210 Millionen Hähnchen - die Hälfte der gesamten deutschen Produktion. Sein Konzept lautet: Alles aus einer Hand, um Risiken zu minimieren. Aus eigener Zucht kommen daher die Eier, aus eigenen Brütereien die Küken, die bäuerliche Partner dann schlachtreif machen - nach seinen Vorgaben, die er ständig kontrollieren läßt. Das Futter kommt aus seinen Futtermittelwerken, und die Hähnchen werden in eigenen Betrieben geschlachtet, gekühlt, verarbeitet und verpackt.

Keine Gentechnik oder

antibiotischen Leistungsförderer

Wesjohann versichert, daß er gentechnische Verfahren, beispielsweise zur Verbesserung der Mastleistung, nicht einsetzt und auch künftig nicht anwenden will. Er versichert, Futter ohne tierische Eiweiße und ohne antibiotische Leistungsförderer zu verwenden und bei Krankheiten Antibiotika nur "ausnahmsweise" einzusetzen. Eine Sprühimpfung, mit der Krankheiten vorgebeugt werden soll, erhalten die Küken gleich nach dem Schlüpfen. Seit April produziert er sogar "salmonellenfreies" Futter. Schadstoffreste im Fleisch könnten den Ruf der Branche ruinieren. 420 Millionen Hähnchen werden jährlich in Deutschland produziert, rund 100 Millionen davon exportiert. 370 Millionen Hähnchen kommen aus dem Ausland - davon längst nicht alle in einwandfreiem Zustand. Wöchentlich veröffentlicht die Europäische Gemeinschaft Listen mit beanstandeten Partien. Ende April enthielten beispielsweise gefrorene Hähnchenteile aus Brasilien Nitrofurane, Geflügelfleisch-Spezialitäten aus dem gleichen Land Listeria und Entenbrüste aus Thailand Salmonellen.

Wie lassen sich 210 Millionen Hühner jährlich artgerecht aufziehen, mästen und schlachten? Fünfzehn Kilometer von der Konzernzentrale entfernt liegt Drentwede. Am Ortseingang befindet sich eine unscheinbare Lagerhalle, ungefähr 1500 Quadratmeter groß. Hier werden "Wiesenhof"-Hähnchen in Bodenhaltung gemästet.

Der Eingang ist gesichert und aus Gründen der Hygiene nur mit Schutzkleidung passierbar. 37 000 Hähnchen werden hier in 35 Tagen schlachtreif gemacht. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Futterleistung, Gewicht - sämtliche für den Produktionsprozeß relevanten Daten sind elektronisch gesteuert. Statistisch gesehen müssen sich rund 22 Tiere einen Quadratmeter teilen. Futter und Wasser sind leicht erreichbar. Mmanche Tiere ruhen, manche laufen geschäftig umher, baden im Staub oder schlagen mit den Flügeln. Sieben- bis achtmal wird der Bestand innerhalb eines Jahres umgeschlagen. Die Anlage für einen Mastbetrieb muß der Landwirt mit eigenen Mitteln bauen, das Futter von "Wiesenhof" beziehen. Mindestens einmal pro Monat erscheint unangemeldet ein Inspektor aus dem Konzern. Der Mäster betreibt daneben Schweinezucht und Ackerbau. Er zöge Hähnchen mit Auslauf im Freien groß, sagt er, wenn der Konsument ihm den erheblichen Mehraufwand (50 Prozent) bezahlte. Doch nur ein Prozent der Produktion entfallen auf Weidehähnchen.

Unweit von Drentwede, in Twistringen, zieht ein Bauer solche Hähnchen groß. Je zehn Tiere teilen sich einen Quadratmeter Fläche. Sie wachsen langsamer, sind erst in 56 Tagen schlachtreif. In zwei Tagen ist es wieder soweit. Der Lastzug ist schon bestellt, der die Hähnchen in die 30 Kilometer entfernte Schlachterei bringt. 350 Tiere passen in einen Behälter, jeder Lastzug faßt 8000 Tiere. In Lohne werden im Zweischichtbetrieb bis zu 240 000 Hähnchen täglich geschlachtet. Die Lastzüge fahren in eine mit sogenanntem Schwarzlicht ausgeleuchtete Halle. Für die Tiere simuliert dieses Licht Dunkelheit und damit Schlafenszeit. Aufgeregtes Gackern ist nicht zu vernehmen. Was man hört, sind die Ladegeräusche. Gabelstapler schieben vom Wagen die Behälter auf ein Transportband. Dort werden sie gekippt, die Tiere rutschen automatisch auf ein Trampolin-Band, das sie zu einem Karussell befördert, wo sie mit den Beinen an einen Haken gehängt werden - eine "Schlachtlinie", an der die Tiere kopfüber in einer schier endlos erscheinenden Reihe baumeln. Die Schlachtlinie führt zu einem Vorhang, hinter dem die Tiere mit Heißluft betäubt werden. Wenige Meter dahinter öffnen scharfe Klingen den Tieren automatisch die Schlagader.

Vom Anhängen bis zum Tod vergehen zwischen 15 und 20 Sekunden. Die Tötung nach althergebrachter Art auf dem Bauernhof dauert sicherlich nicht kürzer, und ob sie für die Tiere weniger Streß bedeutet, ist zu bezweifeln. Schockierend zu beobachten ist dagegen die bis zur Perfektion betriebene Mechanisierung des Todes. Alles läuft automatisch ab: Nach dem Tod bluten die Hähnchen eine Strecke lang aus. Anschließend führt die Schlachtlinie durch Heißwasser. Die Federn lockern sich, Scherautomaten rupfen sie. Danach werden die Innereien entfernt, zuletzt wird die Lunge herausgesaugt. An dieser Stelle stehen auch die staatlichen Veterinäre, die den Vorgang überwachen und Proben entnehmen. Wiesenhof hat ein eigenes Computersystem entwickelt, ein sogenanntes "selbstlernendes" System, das die Hähnchen je nach Größe, Aussehen und Farbe in verschiedene Qualitätsstufen einteilt und entscheidet, ob sie ganz oder zerlegt, als Keule oder Brust, paniert und gewürzt als Spezialität oder zu Geflügelwurst verarbeitet auf den Markt kommen. Vom Hühnerhof, den Wesjohann von seinem Vater übernommen hat, bis zum Hähnchenkonzern mit über einer Milliarde Euro Umsatz war es ein weiter Weg. Fünf Futtermittelwerke, sechs Betriebe fürs Schlachten, vier für Bruteier und Küken, ein Werk für Tiermedizin, zwei Impfstoffwerke in den Vereinigten Staaten sowie Geschäftstätigkeit in Brasilien und neuerdings in Polen - Paul-Heinz Wesjohann ist bescheiden geblieben. Er ist im Kreistag von Vechta für die CDU tätig und war dort 15 Jahre lang Fraktionsvorsitzender. In seiner Freizeit pflegt er das Familienleben, fährt mit dem Rad durch das Oldenburger Münsterland oder beschäftigt sich mit seinen 150 Brieftauben, die bei ihm gut und gern fünfzehn Jahre alt werden können.

ENDE

                                                                             

 



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